Presse 2008  

Alchemie, Totenschädel und mehr als nur ein Hauch 20er-Jahre-Charme: Das neue Musical der Seeschüler ist vielschichtig. (Foto: Jan Bosschaart)

  Märkische Allgemeine Zeitung
17.09.2008


Ende eines zweijährigen Prozesses

Es dreht sich um Liebe und Tod, Menschen und Vampire, Jazz und Alchemie: Das Musical „Vanitas“, ein „Opus Magnum“ der Musik, zu sehen im Schloss Diedersdorf
Jan Bosschaart

RANGSDORF Die zweiwöchigen Proben haben so ihre Spuren hinterlassen: Sie singen ihre Lieder auch in der Pause, weil sich die Melodien im Hirn festgefressen haben. Einer sagt, er träumt manchmal von seiner Rolle, andere haben ihre Figuren so verinnerlicht, dass die Eltern fast schon besorgt sind. Seit dem 5. September sind 22 Schüler der privaten Seeschule Rangsdorf vom regulären Unterricht freigestellt, um ihr „Opus Magnum Musicae“ zu proben: „Vanitas“, ein Gesangstheater über Vampire und Menschen, den Tod und das Leben, den frühen Jazz und die Alchemie.

Den Begriff „Musical“ mag Eunan Tobin in diesem Zusammenhang nicht. Er spricht lieber von einem „lyrischen Drama“. Musical, das klingt zu leichtfüßig, da hebt er skeptisch die Augenbrauen. Noch schlimmer wäre es, man würde Vanitas gleich „Grusical“ schimpfen, wegen der Vampire und der teils düsteren Szenerie. Es stimmt zwar, dass sich die Schüler vor zwei Jahren, nach ihrem Erstling „Vom Sande verschüttet von Roman Polanskis „Tanz der Vampire“ inspirieren ließen, doch der Theaterpädagoge Eunan Tobin und sein Kollege Kolja Kaldun wollten keine Horrorgeschichte mit den Schülern der achten bis zwölften Klassen inszenieren, sondern ein anspruchsvolles, altersgemäßes Stück. Also wurde die Vampiridee als Kern umgesetzt, und dann entwickelten die beiden Lehrer mit den Schülern eine Geschichte drumherum - Schicht für Schicht.

Anderthalb Jahre hat das gedauert, weil man jederzeit für Ideen offen blieb, weil die Theater AG nur einmal pro Woche tagt und weil etwas großes immer nur langsam entstehen kann. Das Skript wuchs, wurde überarbeitet, wuchs weiter, und während Kolja Kaldun den Überblick zu behalten versuchte, komponierte Musiklehrer Eunan Tobin die ersten Lieder. Danach, vor einem halben Jahr, begannen die Proben: zunächst in der AG, dann an drei Wochenenden, und schließlich die vergangenen zwei Wochen ununterbrochen.

Gestern Abend gelangte der zweijährige Prozess zum Abschluss: Eltern, Mitschüler und Freunde kamen zur Uraufführung ins Schloss Diedersdorf. Heute und morgen dürfen auch alle anderen das aufwändige Stück sehen: Jeweils um 11 und um 19 Uhr betreten die jungen Schauspieler die Bühne.

Selbst wer an allen drei Tagen kommt, sieht zwar das gleiche Stück, aber doch nicht dasselbe: Alle drei Besetzungen dürfen ihr Können zeigen, die „alten Hasen'' der zwölften Klasse ebenso wie die Frischlinge aus der Klasse 8, die mit soviel Engagement bei der Erarbeitung und Inszenierung dabei waren, dass die beiden Theaterpädagogen entschieden, das müsse mit einer eigenen Aufführung belohnt werden.

Eunan Tobins und Kolja Kalduns Arbeit ist in dem Moment, wo sich der Vorhang hebt, aber nicht getan: Sie haben sich in Hitchcock'scher Manier selbst kleine Rollen gegeben – natürlich nur, um den Kindern Sicherheit zu geben, wie sie augenzwinkernd betonen -, Tobin sitzt zudem am Klavier, Kaldun hat die beweglichen Säulen fürs Bühnenbild gemalt.

Wenn dann morgen Abend der letzte, wohlverdiente Applaus verklungen ist, müssen alle wieder zurück in den Alltag: Den regulären Unterricht besuchen, sich ihrer Figuren entledigen, andere Lieder hören. Bis die Theater-AG wieder ruft und ein drittes Stück in Angriff genommen wird.

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