Der Erste Literaturwettbewerb der Seeschule Rangsdorf

Seeschüler präsentierten ihre Kurzgeschichten
Dass jeder Mensch ein Künstler ist, wusste schon Joseph Beuys. Jetzt haben dies auch die Schülerinnen und Schüler der Seeschule in Rangsdorf unter Beweis gestellt. Beim Ersten Literaturwettbewerb der Seeschule am Donnerstag, 7. April 2016, konnten sich mehr als 100 Literaturfreunde davon überzeugen. Moderiert von Arne Born, dem Leiter des Fachbereichs Deutsch und Initiator des Wettbewerbs, fand in der Mensa der Schule von 17.00 bis 18.30 eine öffentliche Lesung von zehn preiswürdigen Schüler-Kurzgeschichten statt. Eine dreiköpfige Jury ermittelte danach die Sieger-Texte: Die Leiterin der Bibliothek Rangsdorf Petra Siegert, die Kinderbuchautorin Kimberley Nelson und der Kultur-Journalist Nils Kahlefendt zeigten sich in ihren Laudationes beeindruckt von der hohen literarischen Qualität aller Texte.

„Gleich mit Til Schweiger verfilmen“ (Kahlefendt über Markus Schumann),
„ein sprachliches Juwel“ (Nelson über Cholena Jarke),
„packende und sympathische Handlung mit überraschender Wendung“ (Siegert über Lukas Gennotte)
waren da nur einige der amüsanten Belobigungen.


Im Deutsch-Unterricht hatten zuvor alle Schüler Kurzgeschichten zum Thema „Sich Finden“ verfasst. Oftmals von den eigenen literarischen Fähigkeiten überrascht, schrieben die jungen Autoren über Freundschaft und Liebe, über Abenteuer und Verbrechen, über Zukunftsvisionen und philosophische Fragen. Mit großer Freude lasen sich die Verfasser zuerst ihre Geschichten im Klassenverband vor und hofften dabei, für die erlesenen Zehn nominiert zu werden, die in öffentlicher Lesung auftreten durften. Jetzt hatten die Deutschlehrer und die Schüler der 12. Klasse die Qual der Wahl: Denn es oblag ihnen, aus den über 200 Geschichten der Siebt- bis Elft-Klässler die besten zehn herauszufiltern. Dabei nahmen zuerst die Deutschlehrer eine Vorauswahl vor, bevor der Deutschkurs des 12. Jahrgangs die Endauswahl festlegte.


Hier die Sieger des Literaturwettbewerbs:
•    1. Platz: Markus Schumann, Klasse 7G
•    1. Platz: Lukas Gennotte, Klasse 8G
•    3. Platz: Cholena Jarke, Klasse 9o
•    4. Platz: Moritz Köhler, Klasse 10G2
•    5. Platz: Marcel Kleemann, Klasse 11A
•    5. Platz: Jennifer Münder, Klasse 11B
•    7. Platz: Lea Gedenk, Klasse 9G
•    7. Platz: Mika Jeske, Klasse 10G1
•    9. Platz: Nils Peter Hamann, Klasse 8G
•  10. Platz: Jonas Thiel, Klasse 9G



Im Folgenden veröffentlichen wir die drei erstplazierten Geschichten
und wünschen viel Spaß bei der Lektüre:


Cholena Jarke:

Wenn sich alles ändert

Die Nacht war eisigkalt und der Wind fuhr leicht durch die scheinbar uralten Bäume. Nur der Vollmond ließ es noch zu, dass man etwas in der sternenlosen Nacht erkennen konnte. Das silbrige Licht lag wie ein Schleier auf den Gräbern, die einsam und verlassen vor sich hin ruhten. Eine Stille, die nirgendwo sonst zu finden war. Jennifer hockte mit Tränen in den Augen vor einem Grab, das den Schriftzug „Bis wir uns wiedersehen, David“ trug. Erinnerungen trafen sie wie harte Steine, die sie erschlugen. Erinnerungen an ihn und die lange Zeit, wo er ihr beigestanden hatte. Er war ihr Schutzengel gewesen, immer da gewesen, wenn sie jemanden gebraucht hatte und sonst keiner da gewesen war. Nun sollte er dort sein, wo er her kam, im Himmel. Sie blickte auf ihre blassen, dünnen Arme. Die Narben werden nie gehen und für immer an ihr haften. Er hatte gegeben, was er konnte, um ihr zu helfen und nicht auf sich geachtet. Wieso er da unten lag und nicht sie, wollte Jennifer einfach nicht verstehen. Sie hörte die wütenden Rufe ihrer Eltern, wie wertlos sie doch sei, und spürte die verachtungsvollen Blicke, die ihr Leute schenkten, wenn sie an ihnen vorbei lief. Sie hörte immer wieder ihre Schwester sagen, dass sie dumm und hässlich war. Doch sie hörte auch David, wie er immer meinte, sie solle nicht aufgeben und darüberstehen. Er meinte immer, dass sie wunderschön sei, stundenlang hatten sie diskutiert, wer recht hätte.
     Damals, wo sie noch lebensfreudig war, ist ihr alles so leicht gefallen. Doch ihr wurden immer wieder geliebte Menschen genommen und die Menschen, die sie hassten, wurden von Tag zu Tag mehr. Mit dem Auto-Unfall wurde ihr nun auch die letzte Person genommen. Auf dem leeren Friedhof war nur noch das Schluchzen von Jennifer zu hören. Ihre Hände zitterten, als sie die rote Rose auf das Grab legte und sich anschließend versuchte ihre Tränen wegzuwischen. Ihre dunkelblauen Augen starrten auf den Grabstein in der Hoffnung, er würde kommen und nie wieder gehen. Vor ein paar Stunden hatten das noch viele andere getan. Jennifer las den Schriftzug erneut und war sich sicher, dass es schon bald sei, sie wollte zu ihm. Er war nur ein Jahr älter als sie gewesen und musste dennoch so früh gehen. Man sagt ja, dass die guten Menschen immer zuerst sterben, aber warum schon mit achtzehn Jahren. Sie erinnerte sich noch ganz genau an seine liebevolle Art, wie er sie schützend in den Arm genommen hatte. David konnte ihr bis auf eine Klinge alle wegnehmen, nun sollte die letzte Klinge der Schlüssel zu ihm sein. Er wollte immer die letzte Klinge haben, daher kam es zu diesem Streit. Der Streit, der ihn ins Auto steigen ließ.
    Sie konnte ihm nicht mal Entschuldigung sagen, dass sie es nie getan hatte. Sie strich sich ihre langen blonden Haare aus ihrem verweinten Gesicht, als sie einen Regentropfen abbekam. Langsam fing es an zu regnen. Jennifer dachte an die Worte von David, an den Wunsch, dass sie es schaffen würde. Sie müsste sich wieder selbst finden. Die Lebensfreude, die sie verloren hatte. Sie muss wieder wissen, was sie vom Leben will. Wie oft meinte das David zu ihr. Ihre Haare waren inzwischen schon komplett nass. Sie hockte immer noch vor dem Grab. Der Regen ließ nach. Sie hatte so eine halbe Stunde verbracht. Die ersten Sonnenstrahlen erwachten von ihrem tiefen Schlaf und gaben diesem düsteren Ort ein wenig Glanz vom Leben. Der Morgennebel schlich um die Gräber, als wenn er der Hüter jener Geheimnisse darunter wäre. Sie stand auf, legte die Klinge genau neben der Rose auf seinem Grab ab und ging ohne ein weiteres Wort den schmalen Weg hinab, der sie aus dem Friedhof hinaus führen sollte.


Lukas Gennotte: 

And the Winner Is

Es war drei Tage vor Heiligabend und der Schnee fiel in dicken Flocken vom Himmel. Jack lief hastig über die vereiste London Bridge. Seine Schuhe knirschten im Eis. Die Straßen waren menschenleer, nur vereinzelt hastete ein einsamer Passant auf der Flucht vor der klirrenden Kälte auf seinem Heimweg an ihm vorüber.
    Tänzelnd wich Jack einer Schneewehe aus und kam mit einer leichten Drehung auf dem rechten Fuß auf. Jack ging nicht wie ein normaler Junge von 15 Jahren. Er tanzte, wenn er sich fortbewegte. Er tanzte morgens nach dem Aufstehen, er tanzte auf dem Weg zur Schule und er tanzte beim Zähneputzen vor dem Zubettgehen. 
    Jack konnte nicht anders als tanzen. Leider stieß er mit seiner Begeisterung meist auf Unverständnis oder sogar Ablehnung. Seine Eltern schüttelten den Kopf, wenn er sogar beim Müsli-Essen tanzend die Milch aus dem Kühlschrank nahm. Seine Schwester nannte ihn nur den Spinner. Doch am schlimmsten waren seine Klassenkameraden. Für sie war Jack der größte ‚Vollhonk’ der ganzen Schule, ein Looser, wie er im Buch stand. Im besten Fall ignorierten sie ihn und behandelten ihn wie Luft. Aber meistens warfen sie ihm Ausdrücke an den Kopf, klauten ihm seine Bücher aus der Mappe und warfen sie in den Dreck oder versteckten seine Jacke oder Sportklamotten. 
    Vor allem Tom Fiddle hatte Jack auf dem Kieker. Denn Tom wog mindestens 100 Kilo bei einer Größe von fast 1,90 m. Damit war er ungefähr so beweglich wie ein Sumo-Ringer – nämlich gar nicht. Das war auch der Grund, warum Tom Jack, der durchs Leben tanzte, abgrundtief hasste. Tom hatte sich zum Ziel gesetzt, Jack das Leben schwer zu machen. Er lauerte Jack auf und verprügelte ihn, wann immer sich die Gelegenheit ergab. Meistens hatte er kein Glück, denn Jack war zu schnell für ihn und entwischte seinen Attacken. 
    Doch vor sechs Tagen war Jack zu langsam gewesen und Tom hatte ihm eine ordentliche Abreibung verpasst. Er hatte Jack mit seinem Gewicht in den Schnee gedrückt und ihm dabei halb den linken Arm ausgekugelt. Der Arm schmerzte immer noch schrecklich. Jack hoffte, dass er ihm beim heutigen Tanzwettbewerb keine Probleme bereiten würde. Nur zu gut erinnerte er sich daran, wie er in jeder freien Minute in den letzten beiden Wochen für das Tanzbattle trainiert hatte. Bis ihm jeder einzelne Knochen weh tat. 
    Wie jedes Jahr kurz vor Heiligabend veranstaltete die Covent Garden School of Dance ihren jährlichen Tanzwettbewerb. Und dieses Jahr hatte Jack das erforderliche Mindestalter erreicht und konnte mitmachen. Zu gewinnen gab es 500 GBP und – was für Jack viel wichtiger war – einen Gutschein für eine Tanzausbildung bei dem berühmten Tanzlehrer John Wright für ein Jahr. Seit er von diesem Wettbewerb durch einige Flyer, die in seiner Schule verteilt worden waren, erfahren hatte, konnte Jack an nichts anderes mehr denken. Und heute war der große Tag nun endlich gekommen! 
    Jack blickte auf seine alte Armbanduhr. Er hatte noch 40 Minuten bis zu seinem Auftritt. Kurz überprüfte er den Inhalt seiner linken Jackentasche und atmete erleichtert auf, als er seinen Geldbeutel fühlte, in dem sich das Startgeld von 40 Pfund befand, das er für die Teilnahme brauchte. Es war schwer gewesen, diese Summe zusammen zu bekommen, denn seine Eltern wollten ihm nichts geben für seine ‚Spinnerei’. Schließlich – als er schon keine Hoffnung mehr hatte – hatte ihm seine Grandma heimlich zwei 20-Pfund-Scheine zugesteckt. Grandma war die einzige, die an ihn glaubte, aus seiner Familie.
    Am Ende der Straße konnte er ein großes, hell erleuchtetes Gebäude sehen. Das musste die Covent Garden School of Dance sein, vermutete er. Mittlerweile hatte es wieder begonnen zu schneien. Entschlossen stapfte Jack weiter durch den immer tiefer werdenden Schnee auf das Gebäude zu. Kurze Zeit später erreichte er die große schwere Eingangstür und betrachtete das Messingschild darüber, das ihm verriet, dass er hier richtig war. 
    Plötzlich vernahm Jack ein Geräusch. Es klang wie das melodische Brummen eines Bären. Jack spähte um die Ecke des großen Gebäudes. Was er sah, verdutzte und erschreckte ihn zugleich: Er sah Tom Fiddle, wie er mit platt gedrückter Nase durch die hell erleuchtete Scheibe der Tanzschule blickte. Offenbar beobachtete er die Tanzenden. Dabei wiegte er seinen massigen Körper laut summend hin und her. Jack erschreckte sich so sehr, dass er einen lauten Schrei ausstieß. Tom erstarrte. Entgeistert sah er Jack an und sofort wechselte sein Gesichtsausdruck zu einer feindseligen Miene. Drohend kam er auf Jack zu. Es sah so aus, als wollte er ihn erneut verprügeln. Langsam zog Jack sein Eintrittsticket aus der Jackentasche und hielt es vor Toms Nase, damit er die Startnummer lesen konnte. Mit der anderen Hand winkte er Tom zu sich heran, packte ihn am Arm und zog ihn entschlossen zur Eingangstür.
    Zu Jacks großer Überraschung folgte der große Junge ihm ohne Gegenwehr. Zusammen betraten sie die Tanzschule. Ein Höllenlärm und Hektik empfing die beiden. Alle möglichen Leute, Jungs, Mädchen, Kinder rannten durcheinander.
Jack verschwand in der Umkleide und zog sich blitzschnell bequeme Sportkleidung und Turnschuhe an. Tom hatte inzwischen im Publikum Platz genommen. Nachdem Jack umgezogen war, steuerte er zur Tribüne, auf der die Jury saß. Drei streng aussehende Männer und zwei stark geschminkte Frauen sahen ihm neugierig entgegen. Jack gab seine Startnummer ab und mischte sich unter die wartenden Tänzer am Rand der Halle. 
    Gerade war ein etwa 17-jähriger Junge an der Reihe. Er führte eine Mischung aus Hip Hop und Breakdance vor. Allerdings nicht sehr überzeugend. Denn die Jury und die Zuschauer sahen eher gelangweilt aus. 
    Nun wurde Jacks Startnummer aufgerufen. Nervös trat er vor und ging zur Mitte des Saals. Langsam nahm er seine Anfangsposition ein. Jack hatte sich für einen leicht abgewandelten Streetdance zu einem Song von Michael Jackson entschieden. Als die ersten Klänge der Musik ertönten, legte Jack los. Er tanzte, wie er noch nie zuvor getanzt hatte. Er vergaß, wo er war, wer er war, und seinen schmerzenden Arm. Er vergaß die abfälligen Bemerkungen seiner Eltern, die Schikanen seiner Mitschüler und die Schläge von Tom. All das war unwichtig! Wichtig war nur die Musik und die Bewegungen, die sie ihn perfekt ausführen ließ. Bis zur Erschöpfung tanzte Jack, drehte sich, wand sich, sprang hoch und wieder runter, trampelte mit den Füßen, zitterte mit den Armen. Solange bis auch der letzte Ton verklungen war. Völlig ausgelaugt hielt er inne.
    Im Saal war es totenstill. Niemand bewegte sich. Alle schienen erstarrt zu sein. Ruhig erhob sich Jack und ging zur Umkleide. Er hatte alles gegeben. Wenn der Jury sein Tanz nicht gefallen hatte, konnte er es nicht ändern. Da hörte er plötzlich lauten Beifall hinter sich und drehte sich um. Er sah Tom Fiddle in der Zuschauermenge stehen und wild klatschen und jubeln. Jetzt standen auch die Mitglieder der Jury auf und klatschten. Der mittlere der Männer kam langsam auf ihn zu und klopfte ihm anerkennend auf die Schulter.
    Jack setzte sich neben Tom ins Publikum und wartete, bis der Wettbewerb zu Ende war und die Jury den Gewinner verkündete. Zu seiner Riesenüberraschung gewann er zusammen mit dem blonden Mädchen im Ballettkostüm, das Tom zuvor bewundert hatte. Das Preisgeld mussten sie sich teilen, doch jeder von beiden bekam einen Gutschein für die Tanzausbildung bei John Wright. Nachdenklich starrte Jack auf das silberne Kuvert in seinen Händen. Danach blickte er Tom an, der das Mädchen neben ihm erneut sehnsüchtig ansah.
Da hatte Jack plötzlich eine geniale Idee. Langsam hob er den Arm mit dem Umschlag und ging auf Tom zu ...



Markus Schumann:

Etwas stimmt nicht

Mein Name ist Markus. Ich bin neunzehn Jahre alt. Wir schreiben das Jahr 2054. Es ist heiß, die Sonne brennt vom Himmel. Ich kann sie auf meinem Arm spüren, den ich beim Fahren auf das offene Wagenfenster gelegt habe. Keine Ahnung, wie lange ich schon diese, mit rotbraunem Staub bedeckte, Straße entlang fahre. Ich habe jedes Zeitgefühl verloren.
    Noch vor ein paar Wochen war mein Leben ein ganz anderes. Im letzten Jahr habe ich meinen Highschool-Abschluss gemacht und war ein halbes Jahr in Australien. Nur mit einem Rucksack und etwas Taschengeld habe ich mir den fünften Kontinent angesehen. Ich war in Melbourne und Sidney, habe mitten im Outback gecampt und mich mit ein paar Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten.
    Als ich zurückkam, merkte ich schnell, dass etwas nicht stimmte. Ich bekam einen der letzten Flüge nach Hause, bevor der Flugverkehr nach Amerika und raus aus dem Land eingestellt wurde. Am Nachmittag um 15.23 Uhr landete ich in Phoenix, Arizona. Bereits auf dem Flughafen fiel mir Armee mit schweren Schusswaffen auf. Nur wenige Menschen waren auf dem Flughafen. Sie machten einen angespannten und gehetzten Eindruck. Wenn ich ihnen in die Augen schaute, sah ich dort eine Mischung aus Unsicherheit und Aggressivität. Es gab keine richtigen Kontrollen mehr, wer ein- und ausreist.
    Als ich aus dem Flughafengebäude herauskam, sah ich mich um. Der Taxi-Stand war wie leergefegt. Ein paar Polizeisirenen heulten in der Ferne. Alles wirkte so unwirklich, so abgefahren. Ich hatte nur einen Gedanken: „Bloß weg hier! Egal, wie!“ Ich sah eine etwas heruntergekommene Autovermietung. Ich war der einzige Kunde. Am Empfang war auch kein Mensch zu sehen. Ich wartete und versuchte, ruhig zu bleiben. Plötzlich hörte ich laute Schreie von draußen. Durch das halbblinde Fenster der Autovermietung wurde ich Zeuge einer gespenstischen Szene. Sechs Menschen waren in einen Kampf verwickelt. Sie schienen wie von Sinnen. Drei von ihnen hatten alle menschlichen Züge verloren. Jeder von ihnen stürzte sich auf einen der anderen drei und versuchte, sie durch Bisse am Hals zu verletzen. Es spritzte Blut und die Schreie der Verletzten waren verzweifelt. Eine Gänsehaut lief über meinen Rücken. In Panik und wie fremdgesteuert schnappte ich mir den erstbesten Autoschlüssel, der an einem kleinen Schlüsselbrett hing, und drückte auf die Fernbedienung. Ich rannte auf die kurz aufblinkenden Scheinwerfer zu, warf meinen Rucksack hinten auf die Ladefläche und startete den Motor.
    Ich hatte einen alten schwarzen Dodge Pickup erwischt. So ein Teil wollte ich schon immer mal fahren, aber jetzt hatte ich für solche Gedanken keine Zeit. Mit quietschenden Reifen fuhr ich, ohne mich noch mal umzuschauen, vom Platz.
Ich fuhr, so schnell ich konnte, raus aus der Stadt. Mein Ziel war es, schnell nach Hause zu kommen und dort nach dem Rechten zu sehen. Unterwegs boten sich mir entsetzliche Bilder. Halbverweste Tierleichen lagen am Straßenrand. Kein Mensch war zu sehen. Die Supermärkte waren geschlossen, die Scheiben waren eingeworfen und die Läden geplündert.
    Was war bloß geschehen? Ein furchtbarer Verdacht kam in mir auf. Ich erinnerte mich, dass ich, als ich in Australien war, in den Nachrichten eine Meldung gehört hatte, dass es in einem Hochsicherheits- Labor bei wissenschaftlichen Experimenten zu einer Mutation des tödlichen Tollwut-Virus gekommen war. Weiterhin wurde in diesem Beitrag berichtet, dass Tierschützer, ohne zu wissen, mit welchen Viren sie es zu tun haben, Versuchstiere aus diesem Labor befreit haben. Es waren mit dem neuen Supervirus infizierte Schimpansen. Erst versuchte man, diese Sicherheitslücke geheim zu halten, aber als diese Tiere mehrere Menschen gebissen hatten, mussten die Wissenschaftler der Öffentlichkeit von ihren Studien und dem Einbruch ins Labor berichten. Bereits wenige Tage später kam es zu unerklärlichen Todesfällen. Die Ärzte in den Krankenhäusern konnten nichts mehr für die Erkrankten tun. Bereits nach wenigen Stunden zeigten die Patienten die typischen Symptome der Tollwut und verstarben. Auch eine eiligst durchgeführte Massenimpfung gegen Tollwut blieb gegen dieses Virus wirkungslos.
    Ich konnte damals die Meldungen nicht weiter verfolgen, da ich zu dieser Zeit ins Outback aufbrach. Doch bislang war es Ärzten und Wissenschaftlern immer irgendwie gelungen, Seuchen einzudämmen und wirksame Therapien zu entwickeln. Dabei dachte ich an die Ebola-Epidemie im Jahr 2014, die in Afrika mehrere tausend Tote gefordert hatte und die große Angst, dass sich das Ebola-Virus auch in Amerika ausbreiten könnte. Damals hatten schließlich Massenimpfungen in Afrika die Epidemie eingedämmt.
    Zwei Stunden später kam ich zu Hause an. Unser Haus stand am Stadtrand einer typischen amerikanischen Vorstadt. Ich hatte den von meinen Eltern liebevoll gepflegten Garten noch gut in Erinnerung, doch was ich sah, hatte nichts mehr mit meinen Erinnerungen gemein. Es umgab mich eine Totenstille, Bäume, Sträucher und Rasen waren verdorrt. Die Nachbarhäuser sahen ähnlich aus. Ich stand kurz wie gelähmt im einst so blühenden Vorgarten, bis ich mich losriss, um ins Haus zu laufen. Ich rief nach meinen Eltern, durchsuchte jedes Zimmer nach ihnen, doch vergebens.
    Auf dem Küchentisch lag ein Zettel. Darauf stand nur: „Sind in Sicherheit! Geh, so schnell Du kannst raus aus der Stadt und versteck Dich!“ Noch als ich den Zettel in den Händen hielt, hörte ich hinter mir ein Geräusch. Ich fuhr herum und blickte in zwei weit aufgerissene Augen, die einem circa vierzigjährigen Mann gehörten. Bevor ich weiter über die entstellte Gestalt vor mir nachdenken konnte, wollte sie sich auf mich werfen. Blitzschnell stieß ich ihm den Küchentisch entgegen, so dass er ins Taumeln kam. Ich rannte zum Pickup und raste davon.
    Schnell verschwand die Stadt hinter mir. Meine Gedanken kreisten: „Wo waren meine Eltern? Und wo die anderen alle?“ Nach einer Stunde stand die Tankanzeige fast auf Null. Ich tankte an einer verlassenen Tankstelle und wollte gerade wieder in den Wagen steigen, als ich ein leises Jaulen vernahm. Mein erster Impuls war: „Steig sofort in den Wagen!“ Stattdessen näherte ich mich vorsichtig einem alten Holzstapel und schaute um die Ecke. Dort saß, angeleint, ein Schäferhund, schon halb verdurstet. Kurz stoppte ich: „Wenn er nun auch infiziert ist?“ Doch ich brachte es nicht übers Herz, ihn zurückzulassen. Er war wohl in der allgemeinen Panik einfach vergessen worden. Ich leinte ihn ab und gab ihm Wasser. Hektisch leckte er alles auf. Nun musste ich mich beeilen. Von der Tankstelle nahm ich noch so viel zu essen und zu trinken mit, wie ich konnte. Von dem Holzstapel warf ich ein paar Scheite auf die Ladefläche. Der Hund trottete wie selbstverständlich neben mir her und es tat gut, nicht mehr allein zu sein.
    Auch, wenn ich nicht wusste, wo genau meine Eltern waren, so war ich jetzt etwas ruhiger. Ich erinnerte mich an eine Stelle, an die ich früher als Kind mit meinen Eltern gern gefahren war. Am Fuße des Grand Canyon gab es ein Labyrinth von kleinen Schluchten und Höhlen. Ich kannte mich dort gut aus, da ich oft mit meinem Vater in diesem Gebiet campen war. Der Grand Canyon war mein Ziel.
Dort parkte ich den Pickup und tarnte ihn mit Sand und trockenen Zweigen. Dann schleppte ich die Lebensmittel in eine kleine verborgene Höhle, machte ein Feuer und bemerkte plötzlich, wie unglaublich müde ich war. Eine Weile noch kämpfte ich gegen die Müdigkeit an, doch dann schlief ich irgendwann ein.
   Ein leises Stupsen an meiner Schulter weckte mich. „Sicher der Hund“, dachte ich. Doch woher kam das monotone Surren, das ich hörte? Ich öffnete schlaftrunken meine Augen und blickte geradewegs in die Augen einer freundlich lächelnden Stewardess, die mich bat, mich anzuschnallen, da wir in wenigen Minuten mit dem Landeanflug auf Phoenix beginnen würden. Auf meinen Knien lag mein iPpad. Ich blickte auf den Artikel: „Tierschützer entführten Versuchstiere aus Hochsicherheitslabor. Darunter auch mit Tollwutvirus infizierte Schimpansen. Nach dem Einsatz von Polizei und Armee konnten die infizierten Schimpansen getötet werden. Eine Gefahr für die Bevölkerung besteht derzeit nicht. Es ist alles unter Kontrolle.“

*Die auf dieser Seite dominierenden männlichen Personenbezeichnungen dienen nur der besseren Lesbarkeit und gelten für beide Geschlechter!