Märkische Allgemeine Zeitung, Gudrun Schneck
14. August 2010
 
FERIEN: Die Lust am Entdecken
Berliner Neuntklässler haben in Rangsdorf Spaß in der Schüler-Akademie

RANGSDORF - Was ist eine Nichtnewtonsche Flüssigkeit? Wie kann ein Brutkasten ohne Energiezufuhr warm werden und bleiben? Was wäre, wenn eine kleine Insel, die wir bewohnen, nach einer Flut verschwindet und was erwarten wir, wenn wir mit unseren Booten ans Festland kommen? Solche und andere Probleme wälzen gegenwärtig 35 Berliner Neuntklässler bei einer Schüler-Akademie in der Rangsdorfer Seeschule.

Schüler aus Haupt-, Gesamtschulen und Gymnasien experimentieren, diskutieren und forschen gemeinsam, und zwar an vier Projekten, die sich alle um Energie drehen, das Thema des Wissenschaftsjahres 2010.

Für die Eltern ist der 14-tägige Internats-Aufenthalt der Teenager in Rangsdorf kostenfrei. Organisiert wird er vom Verein Bildung und Begabung, finanziell unterstützt vom Bundesbildungsministerium.

„Ich habe nicht erwartet, dass es so viel Spaß macht. Ich dachte, das ist mehr wie Schule. Ist es aber gar nicht“, erzählt Daniel (16), der auf eine Gesamtschule in Neukölln geht. Er meldete sich an, weil er nichts Besseres vorhatte. Nun staunt er, dass „die anderen gar keine Streber mit Brille und kariertem Hemd sind, sondern ganz nette Typen.“ Daniel entschied sich für das Projekt „Radio mit Energie“. Zum Schluss soll eine selbst produzierte Radiosendung entstehen.

Auf die Frage, ob die Gymnasiasten möglicherweise auf die Gesamt- und Hauptschüler herabschauen, sagt Sophie (16) aus einer Gesamtschule in Treptow-Köpenick: „Woher man kommt, spielt überhaupt keine Rolle. Die ganze Atmosphäre hier ist viel besser als an meiner Schule. Kameradschaftlich, tolerant. Hier sieht man mal, dass es auch anders geht.“

Die Betreuer und Kursleiter sind allesamt jung und erst vor kurzem mit dem Studium fertig geworden. Es sind Physiker, Mathematiker, Gesellschaftswissenschaftler, Medienpädagogen, Lehrer. Akademieleiter Nils Krah (Jahrgang 1983) hat selbst mal an einer Schüler-Akademie teilgenommen und findet es wichtig, die Neugier bei jungen Leuten zu wecken.

Das fängt mit einfachen Dingen an. So ist jeden Tag irgendwo ein Rätsel versteckt. Vorgestern hieß es: „Wenn es ein Öhrchen hat, hat es kein Köpfchen. Wenn es kein Köpfchen hat, hat es ein Öhrchen. Was ist das?“ – Eine Nadel!

Neben der Arbeit an Projekten gibt es einen Chor, eine Theatergruppe, die Möglichkeit, Kanu zu fahren, zu baden, Yoga zu machen, zu trommeln, in einer Band zu spielen. Oder selbst was zu organisieren, zum Beispiel ein Volleyballturnier. Das fand am Donnerstag statt.

Gestern wollten ein paar Jungs Fußball spielen. Akademie-Leiter Nils Krah entschied aber: „Erst müssen wir mal gemeinsam die Halle aufräumen und fegen. Wenn dann noch Zeit ist, könnt ihr Fußball spielen.“ Öffentlich gemurrt hat keiner.

Sprachlos vor Rührung war gestern Stella Machucki – sie gibt das Essen aus und räumt das Geschirr ab –, als ihr aus 35 Kehlen ein gesungenes „Danke, Frau Machucki“ in Kanon-Form entgegenschallte.

Am Mittwoch um 14 Uhr beginnt die Abschlussveranstaltung mit Projektpräsentation. Vivi (15) ahnt schon: „Ich glaube, ich werde die Truppe vermissen.“ Am Mittwoch sind auch interessierte Rangsdorfer herzlich eingeladen.