Märkische Allgemeine, Zossener Rundschau, Andrea von Fournier
22. Mai 2010
 
Wenn Zuschauer Akteure werden
Workshop Gymnasiasten der SEESCHULE RANGSDORF erproben eine ungewöhnliche Theater-Form

RANGSDORF â€žLass’ uns Scheiße bau’n, irgendwas“ – dieser Satz fällt in Gesprächen Heranwachsender leider öfter. Dann ziehen sie los – in diesem Fall Wolbi, Merlin, Ernest und Tom – und treffen auf Wolfgang. Herumstehende Mädchen heizen das Geschehen an: Schon wird Wolfgang „abgezogen“ (sein Handy geklaut) und traktiert. Diese Szene spielten gestern neun Elftklässler des Kurses Darstellendes Spiel der SEESCHULE RANGSDORF vor Mitschülern, ihrem Kursleiter Eunan Tobin und Gästen. 
In einem Workshop, den der Potsdamer Theaterpädagoge Till Baumann leitete, hatten sie sich zwei Tage mit dem sogenannten Forum-Theater befasst. Diese Kunstform, ersonnen in den 1970er Jahren vom Brasilianer Augusto Boal und inzwischen in über 60 Ländern praktiziert, bezieht die Zuschauer mit ein. Ein zunächst unbefriedigend endendes Stück kann auch anders ausgehen, wenn man die Bedingungen ändert. Diese Form des „Theaters der Unterdrückten“ aktiviert vernachlässigte oder unterdrückte soziale und kommunikative Ressourcen. 
Nachdem Kursleiter Eunan Tobin die Bühne freigegeben und Till Baumann den Anteil des Publikums erläutert hatte, gab es zunächst „Ach du Sch…“- Rufe von Zuschauern. Deren reservierte Haltung änderte sich rasch, als die Ausgangsszene gespielt war, Opfer Wolfgang ohne Handy am Boden lag, die vier „Gewinner“ von dannen zogen und Baumann wieder vor die Jugendliche trat. „War das realistisch?“, fragte er die Schüler. „Ja, so läuft das, in der Schule und auch außerhalb“, bestätigte das Publikum. „Könnte es auch besser ausgehen und was müsste dann anders sein?“, war die nächste Frage. Der Theaterpädagoge schlug ohne Umschweife eine Brücke zum Publikum. Die Schüler machten Vorschläge, wie sich einzelne Akteure auf der Bühne anders verhalten könnten, woher Hilfe kommen könnte. Till Baumann forderte die Ideengeber auf, den Vorschlag selbst umzusetzen. So kamen Chris, Steve und Marie-Lena nach vorn, ersetzten die Schauspieler. Nicht immer ging die nun wiederholte Szene so aus, wie sie es wollten: „Die vier Jungs haben ganz schön ernst geguckt, da war ich wirklich ängstlich“, meinte Marie-Lena aus der 10b, die dem Opfer Wolfgang helfen wollte. Wie in der Realität, wenn jemand Zivilcourage zeigt und selbst Opfer wird. Immer wieder betrat Till Baumann die Bühne, fragte, ob es Wolfgang nun wohl besser ginge in der neuen Spielvariante. Die Schauspieler und das zu Akteuren gewordene Publikum fieberten und diskutierten mit. Es gab kräftigen Beifall. „Die zwei Tage waren gut und ganz schön anstrengend“, resümierte der Wolfgang-Darsteller.