Entstehung
Die Seeschule Rangsdorf ist ein freies Ganztagsgymnasium mit Wocheninternat, das im Jahr 2001 mit 24Schülern, davon4 im Internat, gegründet wurde. Heute hat die Schule in den Klassenstufen 7 – 13 insgesamt 200 Schüler, davon sind in etwa50 an das Internat angebunden.
Nach Auffassung der pädagogischen Leitung kollidiert ein 45-minütiger Schulunterricht mit den Anforderungen des Rahmenlehrplanes. Durch die sich ständig weiterentwickelnde Informationstechnologie und der damit ein- hergehenden Auseinandersetzung, stehen so- wohl die Pädagogen als auch die Schülerinnen und Schüler vor der Herausforderung die Informationsvielfalt zu filtern, aufzubereiten und zu verarbeiten.
Ziel einer jeden Schule sollte es sein, jungen Menschen diese Techniken und Fertigkeiten zu vermitteln, damit sie bestmöglich auf die Anforderungen der globalisierten Welt vorbereitet sind; mit dem „normalen Unterricht“ ist dieses Ziel heutzutage schwerlich zu erreichen.
Daher arbeitet die pädagogische Leitung der Seeschule Rangsdorf in Zusammenarbeit mit dem Lehrerkollegium seit dem Schuljahr 2006/07 an einem zeitgemäßen Unterrichtsmodell, dem offenen Fachunterricht – OFU.
Rahmenbedingungen
Der offene Fachunterricht zeichnet sich da- durch aus, dass die Nebenfächer mit Methoden der Projektarbeit in den Klassenstufen 7 – 9 unterrichtet werden.
In der praktischen Umsetzung gibt es über das Schuljahr verteilt insgesamt 11 OFU-Phasen. Über einen Zeitraum von 3-4 Wochen findet dann an einem Wochentag der offene Fachunterricht mit 6 Unterrichtsstunden statt, an den restlichen Tagen der reguläre Unterricht.
Der OFU behandelt hauptsächlich Themen der Nebenfächer, Inhalte der Hauptfächer werden nicht explizit bearbeitet, fließen jedoch fachverbindend mit ein.
Für ein zweistündiges Nebenfach stehen im Schuljahr zwei OFU-Phasen, für ein einstündiges Nebenfach eine OFU-Phase zur Verfügung.
Die zu bearbeitenden Themen der OFU-Phasen sind durch den schulinternen Lehrplan vorgegeben und für die jeweilige Klassenstufe in einem OFU-Curriculum festgelegt. Das Lernen für das jeweilige Thema wird von den Schülern und dem Lehrer gemeinsam organisiert, es entsteht ein gemeinsames Lernerlebnis.
Im OFU wird der Pädagoge gleichzeitig zum Lernenden, dadurch ergibt sich die Besonderheit, dass auch ein fachfremder Lehrer den OFU durchführen kann.
Der OFU ist prozessorientiert, das heißt, dass sich auch das Konzept des OFU ständig weiterentwickelt. Dies setzt die Bereitschaft voraus, experimentell zu arbeiten und die Arbeitsergebnisse im OFU-Kolloquium aufzubereiten. Die Praxis hat gezeigt, dass die Arbeit im OFU eine große Umstellung für Lehrer bedeutet, hier bietet das OFU-Kolloquium Unterstützung und Raum für den Erfahrungsaustausch. Darüber hinaus bieten im Rahmen der Personalentwicklung Fortbildungen in Erlebnis- und Theaterpädagogik ein praxis- und handlungsorientiertes Methodenangebot an.
Chancen und Hindernisse
Der OFU garantiert als freie Unterrichtsform einen lebendigen und kreativen Schulalltag mit überraschenden Lösungen und Ergebnissen. Der lösungsorientierte Ansatz des OFU fördert die Entwicklung von Schlüsselqualifikationen (personale, fachliche, soziale, methodische Kompetenzen). Schüler der Jahrgangsstufe 7 nehmen diese Unterrichtsform problemlos an, für Schüler der höheren Klassenstufen bereiten die freien Unterrichtsformen allerdings Schwierigkeiten, die organisierten Freiräume effektiv zu nutzen.
In der Praxis zeigt sich, dass diese Schüler mit diesen Freiräumen häufig nicht umgehen können, sie setzen den OFU mit „Freizeit in Unterrichtsform“ gleich. Ihre Aufmerksamkeit und Konzentration muss immer wieder aufs neue eingefordert werden, damit stellt sich aber die Form des OFU selbst in Frage.
Hier bietet sich an, die Freiräume in kleinen Schritten zu öffnen und soziale Bezüge zum gestellten Thema zu schaffen.
Erfahrungsbericht
Vorgegebenes OFU-Thema - Plattentektonik (Erdkunde)
Durchführender - Dr. Eunan Tobin, Lehrer für Musik, Darstellendes Spiel und Englisch
Klassenstufe - 7
Herangehensweise
Das OFU-Curriculum gab das Thema „Plattentektonik“ und die zu vermittelnden Inhalte vor. Als fachfremder Lehrer habe ich mich dem Thema über die gängigen Lehrbücher angenähert und das Gespräch mit dem zuständigen Fachlehrer gesucht, der mir weiteres Material zur Verfügung gestellt hat und mich an das Museum für Naturkunde der HU Berlin verwiesen hat.
Fachlich habe ich den Unterricht lediglich mit Grundlagenwissen vorbereitet, mein Schwerpunkt für die erste OFU-Einheit lag vorrangig in der Sensibilisierung der Schüler für das Thema.
Mir ging es zunächst darum einen sozialen Aspekt herauszuarbeiten und ich habe als Einstieg die Themen „Tsunami“ und „Erdbeben“ gewählt.
Um einen sozialen Aspekt herauszuarbeiten ist es sinnvoll das Thema „erlebbar“ zu machen, das heißt es wird nicht nur einfach darüber gesprochen, sondern mit theaterpädagogischen Methoden inszeniert.
Einstieg
Ich entwickelte eine Spielkette (aufeinander aufbauende Übungen mit einem thematischen Schwerpunkt), die sich mit Einzelschicksalen, Auswirkungen und Folgeschäden solcher Naturkatastrophen auseinandersetzte. Die Abschlussszene, an der alle Schüler beteiligt waren, bildete den Höhepunkt und die Schnittstelle für die weitere Arbeit. Die ästhetische Form des Theaters „entschärfte“, kanalisierte und relativierte die dabei aufkommenden Emotionen der Schüler und schaffte die notwendige Distanz, um über das Erlebte in der anschließenden Diskussionsrunde zu reflektieren.
Damit war der Einstieg in das Thema „Plattentektonik“ geschaffen und innerhalb kürzester Zeit haben die Schüler und ich die Planung der weiteren OFU-Phase abschließen können. Das Interesse war geweckt und das Thema „Plattentektonik“ hat die Teilnehmenden auf eine Entdeckungsreise eingeladen, die durch ungeahnt viele Wissensgebiete führte.
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Christiane Goltz, Seeschule Rangsdorf
Kolja Kaldun, Seeschule Rangsdorf
Dr. Eunan Tobin, Seeschule Rangsdorf