Süddeutsche Zeitung, Lisa Zimmermann
30. April 2008
 
Arbeiten - was sonst?
Von Montag bis Freitag besuchen Großstadtkinder die Seeschule Rangsdorf bei Berlin, am Wochenende geht es nach Hause - die klare Grenze zwischen Pflicht und Freizeit sorgt für Disziplin

Fotos: Seeschule Rangsdorf

Fotos: Seeschule Rangsdorf

Berlin ist weit wag, wenn man einmal quer durch den alten Ortsteil von Rangsdorf, über Schotterpisten und Schlaglöcher holpernd, bei der Seeschule angekommen ist. ß�ber 16 Hektar erstreckt sich die Schule am Rangsdorfer See, etwa 40 Kilometer von Berlin entfernt, auf historischem Gelände: Das Hauptgebäude mit fünf Klassenräumen, Mensa, Bibliothek und den Schulleitungsbüros beherbergte einst den Aero-Club des Reichssporthafens Rangsdorf. Der hundert Meter lange Bau war für die Olympischen Spiele 1936 errichtet worden, von der Terrasse aus konnte man die olympischen Flugwettbewerbe verfolgen. Claus Graf Schenk von Stauffenberg startete am 20. Juli 1944 vom Rangsdorfer Flugplatz, um das Attentat auf Hitler zu verüben. Und auch der begeisterte Flieger Heinz Rühmann hob hier zu Privatflügen ab.

Alle sechs Wochen erhalten die Eltern einen Bericht über die Fortschritte ihres Kindes

In Berlin und Brandenburg fehlt eine traditionelle und lange gewachsene Internatsstruktur, wie es sie in vielen alten Bundesländern gibt. Der Trägerverein der späteren Seeschule Rangsdorf sah deshalb Bedarf für ein Internat im Berliner Umland, das Schülern ideale Lernbedingungen abseits der Großstadt bietet. Ende der neunziger Jahre stieß der Trägerverein bei der Suche nach einem geeigneten Standort auf den ehemaligen Aero-Club.

"Das Gelände sah damals schlimm aus", erinnert sich Frank Hamann, der seit Öffnung der Seeschule im Jahr 2001 hier Schulleiter ist. Vor ein paar Jahren noch war das Gelände von tristen Plattenbauten eingekeilt. Der Trägerverein und eine Investorengemeinschaft investierten fast sieben Millionen Euro, um aus dem ehemaligen Fluggelände eine Lern- und Wohnlandschaft zu machen. Vor sieben Jahren begann die private Seeschule mit 23 Schülern, mittlerweile sind es 230 Schiller, davon wohnen 60 im Internat. Die meisten kommen aus Berlin. Eltern, die ihre Kinder nach Rangsdorf schicken, seien oft enttäuscht von den großen öffentlichen Schulen, sagt Hamann: "Gerade in Berlin gibt es da zwei, drei große Gymnasien mit 1300 Schülern und 33 Kindern pro Klasse. Nicht jeder Schüler ist so robust, um unter diesen Bedingungen gute Leistungen zu erzielen."

In Rangsdorf besteht eine Klasse maximal aus 20 Schülern, ein straffes Ganztagsprogramm sorgt dafür, dass niemand den Anschluss verliert. Für jeden Jungen und jedes Mädchen arbeiten die Lehrer einen individuellen Lernplan aus, gerade wenn sie Defizite entdecken, die vor längerer Zeit entstanden sind und nicht mehr leicht aufgeholt werden können.

Jeden Nachmittag findet fächerübergreifender Projektunterricht statt. An einem Frühlingstag im April etwa ist eine neunte Klasse dabei, den Garten zu bepflanzen, gleich geht es mit dem Minibus ins Gartencenter. Auch wirtschaftliche Aspekte wie die Budgetplanung müssen von den Schülern berücksichtigt werden. "Wir wollen das Gegenteil vom klassischen Frontal-Berieselungsunterricht", sagt Christiane Goltz, die pädagogische Leiterin in Rangsdorf. 50 Mitarbeiter, davon 26 Lehrer, kümmern sich um die Schüler. Die Kontrollen der schulischen Leistungen sind streng, alle sechs Wochen erhalten die Eltern einen Fortschrittsbericht, jeden Monat gibt es Zwischenzeugnisse. Schule und Internat sind eng miteinander verzahnt: Täglich nach Schulschluss treffen sich Lehrer und Erzieher zu einer gemeinsamen Sitzung.

Das Besondere an der Seeschule im Vergleich zu den meisten anderen Internaten ist das Konzept des Wocheninternats: Am Samstag und Sonntag ist das Internat geschlossen. Die Schüler reisen Montag in der Früh an und Freitagnachmittag nach Hause. Die Schule will sich bewusst die Verantwortung für die Erziehung der Kinder and Jugendlichen mit den Eltern teilen: Dabei ist das Internat für die "Pflicht" zuständig, die Eltern für die "Kür" am Wochenende. 1390 Euro kostet der Internatsbesuch im Monat, inklusive Schulgeld und Verpflegung.

Das Internat besuchen viele Schüler, deren Eltern beruflich stark eingebunden sind und die deshalb unter der Woche nicht genügend Zeit und Kraft haben, die schulischen Fortschritte ihres Kindes zu kontrollieren. Viele Eltern sind Unternehmer, viele alleinerziehend.

Die Seeschule sieht sich den Traditionen der Reformpädagogik verbunden, legt Wert auf die Erziehung zu Toleranz und Teamgeist. "Wenn die Schüler Rangsdorf verlassen, dann sollen sie das Gefühl haben, dass sie mit allen Herausforderungen fertig werden können", sagt Christiane Goltz. Zusätzlich zur straffen Organisation des täglichen Schul- und Lernpensums sollen sie viel Zeit in der Natur verbringen. Rudern, Segeln, Golf, Fußball - jeder Schüler ist zur Beteiligung an Freizeitaktivitäten und Sport verpflichtet. Die Internatsschüler wohnen nach Klassenstufen aufgeteilt in eigenen Häusern, jeweils zu zweit im Doppelzimmer. Abendessen gibt's in der Gemeinschaftsküche, zum Frühstück treffen sich alle Internen im großen Speisesaal.

Acht der Internatsschüler werden von den Berliner Jugendämtern nach Rangsdorf geschickt. "Diese Jungen und Mädchen machen genauso wenig oder genauso viele Probleme wie alle Anderen", sagt Schulleiter Frank Hamann. Gerade Schülern, die mit großen familiären und schulischen Problemen nach Rangsdorf kommen, helfe die straffe Struktur. Maximilian ist so ein Fall: Der 17-jährige besucht mittlerweile die elfte Klasse. Er kam nach Rangsdorf, nachdem er seine Eltern zur Verzweiflung und das Jugendamt in die Ratlosigkeit getrieben hatte. Er ging kaum noch zur Schule und wurde von Schulpsychologe zu Schulpsychologe durchgereicht. In den ersten zwei Wochen, erinnert er sich, fand er Rangsdorf schrecklich. Dann riss er sich zusammen - "es blieb mir ja nichts anderes übrig."

Die Regeln im Internat sind streng. Wird jemand beim Alkoholkonsum erwischt, gibt es eine erste Verwarnung, beim zweiten Mal folgt der Schulverweis. Rene, 20, der ebenfalls aus Berlin kommt, sind die strengen Regeln relativ egal. "Hier geht's um nichts anderes als um Lernen", sagt er. Auch die 17-jährige Mellanie  sieht die strenge Planung unter der Woche positiv. "Was hab ich früher zu Hause schon großartig gemacht? Hausaufgaben vielleicht, und dann vor die Glotze gehockt." Die Abgeschiedenheit der Seeschule sehen alle drei pragmatisch, das mag mit dem Konzept des Wocheninternats zusammenhängen. Nach fünf Tagen Plackerei ist am Wochenende wieder Land in Sicht. "Ich ziehe unter der Woche einfach mein Pensum durch, fürs Spaßhaben ist das Wochenende da", sagt Rene. "Das ist wahrscheinlich so, wenn man später im Berufsleben sagt, man muss Privates und Berufliches trennen. Genau so ist es hier: Wir trennen Privates und Schulisches."

Auf der Webseite der Schule ist zwar zu lesen, dass es in Rangsdorf eine Disco gibt - von innen gesehen hat sie allerdings noch kein Schüler. Rene trägt sich nur in die Abwesenheitsliste ein, wenn er sich bei der Drogerie im Ort eine neue Zahnbürste kaufen geht.

 

Hinweis:

Um die Persönlichkeitsrechte der Schüler zu schützen, sind die in diesem Artikel erwähnten Namen frei erfunden.